Letzte Aktualisierung:  24.08.2010

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Erstellt von: W.Zimmermann

Verwaiste Eltern?

Die Zeit heilt nicht alle Wunden,
sie lehrt uns nur
mit dem Unbegreiflichen zu leben.

Mechtild Voss - Eiser

„Verwaiste Eltern“ – Was ist das eigentlich?

Es ist der nie zu Ende geträumte Alptraum aller Eltern: Unser Kind ist tot! Und dieses hat einen Namen, hatte „sein Leben noch vor sich“, hatte Hoffnungen und Träume, einen Platz in der Familie, im Lebensentwurf seiner Eltern. Mehr als 25.000 Kinder und junge Erwachsene kommen jährlich ums Leben. Mütter, Väter und Geschwister stürzen in einen psychischen Abgrund, werden alleingelassen in ihrer tiefen Trauer, allein mit diesem wohl traumatisierendsten, widernatürlichen Verlust, dem Verlust eines Kindes.

Welches sind die frühen Tode, die besonders empfindlich als „widernatürlich“, als „Tod zur Unzeit“, erlebt werden?

Tausende von Kindern kommen jährlich tot zur Welt, mehr als 6000 Säuglinge sterben im ersten Lebensjahr durch Frühtod. Totgeburt und Plötzlichen Säuglingstod. Mindestens ebenso viele sterben vor ihrem 15. Geburtstag, für zahllose Jugendliche ist das Leben zwischen 15 und 20 beendet, für immer mehr junge Erwachsene spätestens mit 25 Jahren: Krebs und andere Krankheiten, unterschiedlichste Unfälle, Aids, Drogen, Suizid und Gewaltverbrechen! Unzählige Schwangerschaften werden unterbrochen, sehr viele Paare bleiben ungewollt kinderlos: auch hier packt die Trauer früher oder später zu; ebenso bei Tausenden von Adoptionsfreigaben. Kinder sterben an Krebs, an Leukämie, an Tumoren, an Mukoviszidose, an Aids, durch Drogen. Sie werden ermordet, verzweifelt am Leben und bringen sich um. Werden totgefahren auf unseren Straßen (die Statistiken steigen in erschreckendem Maß), verunglücken beim Spiel, verschwinden auch einfach. Weit über 25.000 „stille“ Katastrophen pro Jahr! Wie lange trauern Eltern um ihr Kind: ein Jahr, fünf Jahre, zehn Jahre, immer? Auch erwachsene Kinder sterben. Mit welchem Multiplikator versehen wir die Zahlen...? Was bedeuten diese Tode heute angesichts der sozialen Verschiebungen, der Umschichtung gesellschaftlicher Verhältnisse, der sozialpsychologischen Veränderungen in einer tendenziellen – oder bereits „offiziellen“ – Ein Kind – Gesellschaft?

„Bedenkt – den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der anderen muss man leben“ – diese Zeilen aus einem Gedicht von Mascha Kaleko haben uns nicht mehr losgelassen. Sie stehen seit über zehn Jahren auf unserem Faltblatt.

Wie können Eltern den Verlust eines Kindes überleben, wie wieder atmen lernen und zum Leben, zu ihrem Leben, zurückfinden? Wie dieses schwere, wider – sinnige Ereignis ohne Bitterkeit überstehen? Ihr Lebensinhalt ist verlorengegangen, ihre Liebe fällt ins Leere, ein Stück von ihnen selbst – ihre Zukunft – wird zu Grabe getragen. Die Sehnsucht nach dem verlorenen Kind ist grenzenlos. Das Gefüge unzähliger Familien gerät ins Wanken. Oft bietet auch der Partner keinen Halt; viele Ehen zerbrechen und der Satz, dass „geteiltes Leid halbes Leid“ sei, wird durch die Realität in dramatischer Weise in Frage gestellt. Die Beziehungen zu den engsten Mitmenschen, zu „alten Freunden“ werden brüchig: selbst wohlwollend und mitfühlend sind sie angesichts des Ausmaßes von Trauer und Verzweiflung, die die Eltern erfasst, oft hilflos und ziehen sich zurück. Ihre Ohnmacht führt zu ungeschickten Handlungen und verletzenden Äußerungen, und trauernde Eltern geraten immer mehr in die Isolation. Sie fühlen sich vom Leben betrogen und von Gott und der Welt verlassen. Den hinterbliebenen Geschwisterkindern und ihrer oft stummen und verzweifelten Trauer können die Eltern nicht gerecht werden: An die Mutter denkt noch mancher beim Verlust eines Kindes, an den Vater schon weniger und an die Geschwister schließlich niemand mehr – so hat man zu Recht gesagt.

Der Tod des eines Kindes bedeutet demnach „Familienkrise“ in einer kaum zu überblickenden Vielschichtigkeit und Dramatik, und zwar l a n g f r i s t i g ! Der Tod zerreißt das Geflecht von Rollen, Funktionen und Beziehungsstrukturen und verändert tiefgreifend die Dynamik und das seelische Gleichgewicht einer Familie im ganzen wie der einzelnen Betroffenen: des Vaters, der Mutter, der Geschwister und der Angehörigen.

Trauer kann zeitweise schwere Abweichung vom „normalen“ Lebensverhalten mit sich bringen. Dabei ist Trauer keine Krankheit, auch wenn sie sehr wohl krank machen kann, zumal durch das hilflose Verhalten (oder soll man sagen: die vorenthaltene Hilfe) einer Gesellschaft, in der Trauer nicht zugelassen, nicht gelebt werden darf. Unzähligen psychosomatischen und körperlichen Gebrechen liegt nicht bewältigter Verlustschmerz zugrunde, das zeigen längst erschreckende Statistiken. Welchen Trost, welche Hilfe findet denn schließlich der Trauernde noch in seiner nächsten, seiner „natürlichen“ Umgebung? Alexander Mitscherlich äußerte interessanterweise einmal den Gedanken, dass Selbsthilfegruppen in unserer Zeit auf „eine Art modernes Ritual“ hindeuten, auf eine neue, „soziale Lösung der Gesellschaft“. Diese Gruppen erfüllten heute an Stelle althergebrachter, verlorengegangener Bezüge und Rituale wichtige soziale, therapeutische, ja auch religiöse Aufgaben...

Trauernde b r a u c h e n Trost, Beistand und Begleitung. Dabei wird Trauer zu einem sozialen Prozess, nicht zuletzt durch und mit Hilfe von Gruppen als einer Möglichkeit, sie wieder einzusetzen in ihre alten Rechte und ihr Raum zu gewähren. Die natürliche Richtung des Trauerns, die Isolation, wird durchbrochen und vorsichtige Schritte ins Leben werden wieder möglich, Wege heraus aus heil – loser Trauer und Depression.

Mit der Begleitung und Beratung von Trauernden stehen wir, anders als in der Sterbebegleitung (Kübler – Ross, Hospizbewegung, etc.) noch in den Anfängen, von präventiven Modellen im Rahmen einer umfassenden Gesundheitsvorsorge nach anglo - amerikanischem Vorbild etwa ganz zu schweigen: da haben Erfahrungen im Bereich des Trauerverhaltens ihren Niederschlag längst in umfangreichen Studien gefunden aus denen schon in den 60er und 70er Jahren jeweils praktische Beratungs- und Therapieprogramme für Hinterbliebene abgeleitet worden sind.

Mit der Begleitung von Trauernden standen wir in D e u t s c h l a n d also vor längst überfälligen Aufgaben, die schließlich zum Aufbau des bundesweiten Netzwerkes der (Selbsthilfe-)Gruppen „Verwaiste Eltern“ geführt haben.

„The bereaved Parent“, trauernde Eltern, hieß das Buch von Harriet Schiff, 1978 mit „Verwaiste Eltern“ übersetzt. Es gab das Stichwort ab für eine der aufregendsten Bewegung auf deutschem Boden in den letzten Jahren.

Hilfe zu Selbsthilfe: Gruppen für verwaiste Eltern, trauernde Geschwister und Angehörige

Angesichts der Schwierigkeiten in unserer Gesellschaft, mit Tod und Sterben umzugehen und der vielberufenen „Unfähigkeit zu trauern“ wurde

- die überwältigende, lawinenartig und rasch ansteigende Nachfrage nach Selbsthilfegruppen verständlich, nachdem der Anstoß gegeben war.

- Im Zusammenhang damit aber wurde – wie inzwischen auch die deutsche Entwicklung zeigt eine „konzentrierte Aktion“ notwendig, eine Zusammenarbeit von professionellen Diensten ( von Ärzten, Psychologen, Therapeuten, Seelsorgern, Sozialarbeitern und Pflegepersonal bzw. Helfern aus den unterschiedlichsten psychosozialen Berufen und aus dem gemeindediakonischen Bereich)   u n d ehrenamtlichen Helfern, s o w i e Selbsthilfe – Initiativen.

Dazu der große Theoretiker und Praktiker der Selbsthilfe in Deutschland, Prof. Dr. Dr. Alf Trojan, Vorsitzender des Ausschusses der Hamburger Ärztekammer für die Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen und ähnlichen Organisationen: „...Sie sehen allein aus der Existenz dieses Ausschusses, welche Bedeutung von Seiten der Ärzteschaft den Selbsthilfegruppen als einer äußerst wichtigen Ergänzung der professionellen Hilfe in unserem Gesundheitssystem beigemessen wird. Dies gilt in besonderem Maß für die „Verwaisten Eltern“. Wie viele andere Selbsthilfegruppen auch leistet diese Organisation in Ergänzung zur medizinischen Versorgung eine wichtige psychologische Arbeit, deren Bedeutung für die Betroffenen gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, denn von ärztlicher Seite k ö n n e n die Gefühle und Lebensumstellungen, die mit dem Verlust des Kindes verbunden sind, durch vielerlei einengende, strukturelle Bedingungen des ärztlichen Arbeitsalltags niemals in angemessener Weise bearbeitet werden. Ergänzend möchte ich noch etwas ganz Wichtiges hinzufügen, was vielfach übersehen wird:

Selbsthilfe heißt zwar „Selbsthilfe“, weil sich dort Menschen selber (genauer gegenseitig) helfen, jedoch ist diese S e l b s t h i l f e  n i c h t  v o r a u s s e t z u n g s l o s. Das heißt: Selbsthilfe kann hier nicht bedeuten, daß alles „von selbst“ geht und vor allem nicht: nichts kostet! Das sollte sich langsam herumgesprochen haben! Um die Mitglieder von Selbsthilfegruppen zusammenzubringen, um Krisensituationen aufzufangen, um organisatorische Hilfestellung und Entscheidungshilfen zu geben (etwa wann für den einzelnen professionelle Hilfe zusätzlich nötig wird), für all diese Aufgaben bedarf es der Unterstützung d u r c h Zusammenarbeit  mit professionellen Helfern.

Mit der zu Beginn der 80er Jahre initiierten Bewegung und der von mir seit 1984 von Hamburg aus gezielt vorangetriebenen Arbeit wurde trauernden Eltern ein Gesprächsforum, Begleitung und Beratung (vereinzelt auch therapeutische Hilfe) angeboten. Bis dahin gab es weder staatliche noch kirchliche Initiativen oder konkrete Hilfmaßnahmen, die sich dieser sozialen Verpflichtung und diakonischen Aufgabe gestellt haben, zumindest keine hinreichenden, langfristig unterstützenden Angebote. Wir ahnten kaum, in welches Vakuum, in welchen Bereich von seelischer Not, Verzweiflung und existentieller Auseinandersetzung dieses innovative und für Deutschland analogielose Modell treffen würde. Überraschend der Einsatz, der den Initiatoren bald abverlangt wurde, obwohl wir theoretisch durchaus wussten, daß The Compassionale Friends (TCF), weltweit seit 25 Jahren eine der größten und eindrucksvollsten Selbsthilfebewegungen überhaupt darstellen.“

Inzwischen hat sich die Kontakt- und Informationsstelle (Bundesstelle) “Verwaiste Eltern in Deutschland“ als Einrichtung (zunächst noch) in der Evangelischen Akademie Nordelbien zu einer festen Anlaufstelle für trauernde Eltern und Geschwister sowie ihrer Angehörigen und Freunde entwickelt, bundesweit (vgl. Grafik) und im angrenzenden Ausland. Ein großes Netzwerk ist entstanden von mittlerweile ca. 250 bestehenden und ca. 100 entstehenden, geplanten Gruppen und Ansprechpartnern, wobei wir mit der Wiedervereinigung unseres Landes bald vor neue, kaum zu bewältigende Aufgaben gestellt wurden. Die Entstehungsgeschichte der Gruppen und das außerordentlich breite Spektrum an Werken, Verbänden, Institutionen und Organisationen, in die sie bisher eingebunden sind oder der Beratungsstellen und Initiativen oder Einzelpersonen aus helfenden Berufen, mit denen sie kooperieren, ist interessant und signifikant. Wichtig ist die Erfahrung – und sie entspricht der bisherigen Entwicklung im angloamerikanischen Bereich – daß die Vielschichtigkeit der Gruppen und ihre Heterogenität als große Chance gesehen wird, in unserer heutigen multikulturellen und interreligiösen Gesellschaft möglichst viele Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenszusammenhängen anzusprechen und zu erreichen.

Fazit

Wichtige und bewegende Erfahrungen sind also im letzten Jahrzehnt auch bei uns in Deutschland gemacht worden in Selbsthilfegruppen bzw. in und mit den begleiteten Gruppen “Verwaister Eltern“. Trauerbegleitung ist inzwischen längst unverzichtbar geworden unter dem Aspekt präventiver, psychohygienischer Maßnahmen (unverarbeitete Trauer kann krank machen!) und unter dem Aspekt der Diakonie, der Nachsorge und Seelsorge: “postvention“ – neben Prävention und (Krisen-) Intervention.

- In einer beeindruckenden Zahl von Gruppen bieten Tausende von verwaisten Eltern und Geschwistern einander inzwischen Hilfe und Unterstützung

- wurde seit 1987 – erstmals im deutschen Sprachraum und ohne Parallele – eine beratende und therapeutische (Gruppen-)Arbeit für Geschwister in allen Altersstufen aufgebaut, ein neues, familienorientiertes setting entwickelt im Rahmen der Segeberger Trauerseminare und in fortlaufenden Gruppen (“dokumentiert in dem rororo-Sachbuch“ “Warum gerade mein Bruder. Trauer um Geschwister. Erfahrungen. Berichte. Hilfen 1992)

- haben sich Menschen aus helfenden Berufen zunehmend auf die schwierige Aufgabe der Trauerbegleitung eingelassen

- wurde die immer dringlicher gewordene Frage nach einer “Begleitung der Begleiter“ (nach Fortbildung und Ausbildung), die sich dem bemerkenswerten Anwachsen der Gruppen für verwaiste Eltern und andere Gruppen von Trauernden ergeben hatte, aufgegriffen, was zu dem Aufbau und Ausbau eines neuen und differenzierten Konzepts einer 2jährigen Trauerbegleiter Ausbildung (zur Zeit im VI. Ausbildungsgang 1997/98) führte.

- suchen Trauerbegleiter und/oder betroffene Eltern das Gespräch mit d e n Berufsgruppen, die beim Tod eines Kindes in besonderer Weise gefordert – und oft überfordert – sind, zu den sogenannten “first responders “ wie Hebammen, Pflegepersonal, Ärzten, (Klinik-)Seelsorgen, Bestattern, Polizisten...

- versuchen hauptamtliche, wie zahllose ehrenamtliche, engagierte Mitarbeiter durch Öffentlichkeitsarbeit zu erreichen, daß Trauer in dieser Gesellschaft zugelassen und durchlebt werden kann...

(vgl. hierzu die formulierte Zielsetzung in der Satzung 1990 gegründeten Vereine, dem “Verwaiste Eltern München e.V.“ und dem “Verwaiste Eltern Hamburg e.V.“)

Für das Netzwerk insgesamt gibt es seit 1991 das umfangreiche Jahrbuch VERWAISTE ELTERN. Leben mit dem Tod eines Kindes (Hrsg. Mechtild Voss-Eiser.). Als “beravement magazin“ in Deutschland ein Novum, akzentuiert es bei gleichbleibendem Raster (Brief – Meditation – Dokumentation – Trauer – und Lebensgeschichten – Nachrichten aus der Arbeit – Berichte aus der Region – Gruppen – Telefon – und Briefkontakte, bundesweit – Bücherecke) unterschiedliche Problembereiche. Bisher: Suizid – Geschwistertrauer – Hilfe zur Selbsthilfe – Trauer und Behinderung – Tod am Anfang des Lebens.

Wozu dieser ganze Aufwand?

Wenn man in den Selbsthilfegruppen für trauernde Menschen oder in Trauerseminaren nicht m e h r sieht als Zusammmenkünfte von Menschen, die sich jammernd und klagend immer wieder “die gleiche Geschichte“ erzählen, ohne etwas Neues zu erreichen, so hat man wenig oder nichts von dem begriffen, was sich da ereignet. “Das Erzählen der Trauergeschichte hat eine zwingende Veranlassung - - gerade da, wo sich Sinn nur schwer erschließt: im Sterben und in der Begegnung mit Trauer. Die durch den Tod verursachte Lebenskrise nötigt die Betroffenen, sich ihrer veränderten Situation zu vergewissern. Und das geschieht in erzählter Trauergeschichte, die einmündet in reformulierte Lebensgeschichte. In diesem Erzählen selber liegt heilende Kraft...“ (vgl. den wichtigen Beitrag des evangelischen Theologen und Pastoralpsychologen Michael Schibilsky zur “Lebens-Bilanz-Arbeit“ ,zu Trauern lernen “ mit biblischen Erfahrungen“ und zum Themenbereich: Trauer im ganzen als eines nicht exklusiven Arbeitsbereiches, sondern als einer unabweisbaren Aufgabe der Lebensbewältigung, insofern das theoretische Kernproblem des Trauerns in der Sinnfrage verborgen liege...). Wenn es  zudem richtig ist, mit modernen Forschern und Therapeuten (etwa mit Bojanowsky 1989 o.a.) das Nicht-Traurig-Sein als den Kern von Depressionen zu bezeichnen, dann wird man vielleicht ermessen können, was es heißt, daß Trauer hier zugelassen und in ihrem Ausdruck unterstützt wird, daß Menschen diese Trauer durchleben können, ja lernen, auf ihrer Trauer zu “bestehen“, statt sie zu übergehen oder zu “überwinden“ (Trauer ist nicht zu überwinden wie ein Feind. Sie ist nur zu verwandeln: der Schmerz in Hoffnung, die Hoffnung in tieferes Leben).

Wenn man sich fragt: Wozu dieser ganze Aufwand, wozu diese “Neuerungen“ mit einem Projekt, das es doch “früher“ auch nicht gab, wenn man sich fragt: Ist denn das ganze notwendig? So mag man sich an eine “alte“, not-wendende, biblische Geschichte erinnern (wir brauchen da nicht “nur“moderne Psychologen, Therapeuten und Mediziner zu bemühen, auch nicht neue – uns zunächst fremde – Kulturtechniken, sondern “können auf unmittelbare in unserem Lebenshorizont vorfindliche, christlich geprägte Rituale, Traditionen und Sinnkonstrukte zurückgreifen“: Nicht zuletzt hier finden wir “Entsprechungen“, die Trauer aufnehmen, “sich unseren Geschichten hinzugesellen, sie überschreiten, transzendieren, aus denen ein neuer Horizont erwachsen kann“ (Schibilsky):

Der Verstorbene ist begraben. Es ist alles getan und erledigt, was die Hinterbliebenen noch für ihn tun konnten. Sie sind mit sich und ihrem unsagbarem Schmerz alleine. Nun fangen die schweren Wege der Trauer erst an. Erst jetzt beginnen Verlassenheit und tiefe Einsamkeit auf einem endlos erscheinenden Weg. Weggehen wollen, das ist der stärkste Grundimpuls den Trauernde verspüren. Alles hinter sich lassen. Was hat man denn jetzt noch zu erwarten. Abstand gewinnen, ohne ein Ziel vor Augen....

Da haben sich zwei Männer zusammengetan, sie gehen gemeinsam die ersten Schritte auf ihrem Trauerweg – aber sie nehmen ihre Traurigkeit mit. Sie tun das, was für alle Trauernde in dieser Zeit so unendlich wichtig wäre, sie reden miteinander: Wie konnte das nur geschehen? Ein Fremder nähert sich. Er begleitet sie. “Wie geht es euch?“ Und wie erlöst reden sie. Endlich hat jemand Zeit, hört ihnen zu, begleitet sie. Es sprudelt nur so aus ihnen heraus: was sie mit dem Verstorbenen erlebt haben, daß ihre Hoffnungen durch seinen unerwarteten und frühen Tod so bitter enttäuscht worden sind, daß sie so vieles noch hätten mit ihm besprechen, gemeinsam erleben wollen, daß durch ihn Freude und Glanz in ihr Leben gekommen sei... Sie reden und reden. Ihre Füße gehen vorwärts. Aber ihre Gedanken gehen zurück. Sie fühlen sich leichter. Ihr Begleiter sagt nicht: andere haben doch auch zu leiden... er sagt nicht: es hätte noch viel schlimmer kommen können... Er sagt nicht: ihr habt “letztlich“ keinen Grund traurig zu sein ... Er ist trost-reich, indem er zuhört. Und je länger sie miteinander unterwegs sind, desto mehr gelingt es, das Unfassbare in Worte zu fassen, indem sie es immer und immer wieder bewegen , formen, “formulieren“. Und da tauchen langsam auch wieder alte Worte auf. Worte mit Tradition, die verdeckt waren. Verschüttet. Schließlich ist der Tag zu Ende. Die Nacht kommt mit ihren düsteren Gedanken und rätselhaften Träumen. Und die Männer bitten ihren Begleiter: “Herr, bleibe bei uns...“ Und er bleibt. Bei Tisch spricht er das Dankgebet. Da erkennen sie in ihm den Verstorbenen. Der, um den sie trauern, hat sie auf ihrem Weg begleitet. Mit seiner Nähe hat er ihnen geholfen. Sie können ihn nicht festhalten, nicht wie früher mit ihm zusammensein. Und doch ist er da. Ganz nahe. Und nun können auch sie wieder auf(er)stehen. Es ist, als sei ihnen das Leben neu geschenkt worden...

Jesus als der Mit-Mensch schlechthin. Der Emmaus-Weg als Trauerweg par excellence, und – Trauerbegleitung als eine der anspruchsvollsten und schwierigsten Aufgaben für Menschen in seiner Nachfolge, für Menschen in pflegenden, helfenden und seelsorgerischen Berufen. Im Zeitalter der “Macher“ und des “Machbaren“, ist es heute offenbar kaum noch zu ertragen, lange Zeiten der Ohnmacht, der Hilflosigkeit, der Verzweiflung und der Suche nach Sinn durchzustehen. Mit schnellen Lösungen und falschem Trost “bleibt“ der Begleiter gewöhnlich nicht, bleibt vielmehr der Trauernde hoffnungslos allein auf seinem Weg...

Dies ist der Aspekt der Innovation, der für das hier vorgestellte Projekt “tragende“ Bedeutung gewonnen hat: Erneuerung, in der – auch verschüttete und verkrustete- Kräfte unserer christlichen Tradition und Spiritualität wieder lebendig werden.

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