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Du lebst in mir Der 11.02.86 wird sicher für immer der schönste Tag in meinem Leben bleiben, der Tag, an dem ich Mutter wurde. Das unsagbare Glück, das ich mir so sehr gewünscht hatte, lag in meinen Armen; mein Söhnchen Marian.
Sein Vater war nicht gerade das, was man als liebevoll und treusorgend bezeichnet. Meine Beziehung zu ihm endete, als Marian drei Jahre alt war. Die Zeit als alleinerziehende Mutter war nicht immer leicht. Eine Berg- und Talfahrt durchs Leben ... und immer Jemand neben mir, für den sich das alles lohnte. Unsere Mutter - Sohn - Beziehung war von Kumpelhaftigkeit, Verständnis, Herzlichkeit und Vertrauen geprägt. Wir redeten, diskutierten und konnten über den größten Blödsinn lachen. Wir fanden stets eine akzeptable Lösung, wenn wir nicht einer Meinung waren. Ich bewunderte sein technisches Verständnis und seine Logik, die sich in all seinen Denkprozessen widerspiegelte. Er fand schnell Kontakt, er war beliebt, freundlich, höflich, intelligent, aber nicht ehrgeizig, verletzlich und sensibel, einfühlsam, aber mitunter auch uneinsichtig und manchmal stur wie ein Esel. All das gehörte zu dem 15 -jährigen, all das liebte ich und all das vermisse ich heute so sehr. Am Nachmittag des 09.06.2001 sah ich Marian zum letzten Mal lebend. Herumalbernd saß er im Auto neben mir, den Kopf seinen drei Freunden auf der Rückbank zugewandt. Wie oft denke ich an die letzten Minuten mit ihm. In meinem Handschuhfach liegt heute noch immer die Dose, aus der er Scherze machend, die letzten Bonbons verteilte. „Viel Spaß“ , wünschte ich ihm, bevor ich ging. Marian und seine vier Freunde wollten feiern und fröhlich sein, im Bungalow, der den Eltern einem seiner Freunde gehörte. Für alles schien gesorgt: für Verpflegung, für Übernachtung und für Aufsicht. Am nächsten Morgen überbrachte man mir die Todesnachricht . In Sekunden war ausgesprochen, wofür ich Wochen brauchte, um es zu begreifen. Hierzu sei gesagt , dass die beiden Beamten und die Seelsorger sehr behutsam vorgingen. Ich erinnere mich an manches nicht mehr ganz genau . Aber zumeist wünschte ich, ich könnte diesen Morgen aus meinem Gedächtnis radieren. Die Erinnerung daran löst auch heute , nach über zwei Jahre noch immer eine Art innere Panik bei mir aus. Ich war unfähig , zum Ort des Geschehens zu fahren. Man sagte mir, Marian sei noch dort. Wie alles passiert war , wusste keiner genau. Nur so viel: Marian stürzte nach Mitternacht von einer Treppe. Seine Freunde erkannten den Ernst der Lage zuerst nicht. Sie trugen den bewusstlosen Marian auf ein Bett. Der Notarzt wurde erst viel später gerufen. Die Gastgebereltern waren zu diesem Zeitpunkt schon nach Hause gefahren . Ich hab’ so unheimlich viele offene Fragen. Nie habe ich Vorwürfe laut werden lassen, aber keiner seiner Freunde, die ihn sterben sahen , haben sich noch einmal bei mir gemeldet, obwohl ich selbst mehrere Versuche unternahm, mit ihnen in Verbindung zu bleiben. Alles was ich weiß, ist der kurze Bericht von der Staatsanwaltschaft, den man mir nach langem Hin und Her am Telefon verlas. Die Todesursache: Schädelbasisfraktur infolge eines Sturzes – Fremdeinwirkung ausgeschlossen. An vieles, was man mir kurz nach dem Unfall erzählte , erinnere ich mich garnicht mehr. Ich konnte und wollte es nicht alles aufnehmen. Alles was damals in meinen Kopf ging, war die grausame Tatsache, das mein Marian nie zurückkommen würde. Ein paar Tage später stand ich vor seinem Sarg. Ich sah ihn sachte atmen und hörte ihn murmeln:“ Ich steh’ gleich auf!“ Nur die Totenflecken an seinen Händen schienen mir Gewissheit zu geben, dass es ein Abschied für immer sein würde. Einen Tag später war die Beerdigung. Die Worte des Redners erschienen mir so banal. Aber wie hätten auch Worte einen solchen Schmerz ausdrücken können. „Du lebst in mir!“, stand auf der Trauerschleife. Aber ich hatte das Gefühl, als liefe das Leben ganz woanders ab, so, als wäre ich mit Marian gestorben. Ich kann nicht sagen, wie oft ich den Satz: „Wenn Du mich brauchst, bin ich da!“ ,an diesem Tag hörte. Fest steht nur, dass man es bei diesem Satz belassen hat. Nach der Beerdigung blieben meine Schwester und meine Nichte noch zwei Wochen bei mir. Ich kann mich eigentlich nicht mehr genau daran erinnern. Ich weiß nur, das ich stellenweise von einer Hoffnung durchflutet wurde. Um es anders auszudrücken, ich verstand selber nicht, das ich noch Lebensmut haben konnte. Nach ca. acht Wochen waren alle Formalitäten unter Dach und Fach. Während für alle anderen der ganz normale Alltag wieder einsetzte, begann für mich die Zeit der grenzenlosen Verzweiflung. Ich hatte das Gefühl, als würde ich jeden Tag ein wenig mehr aus einen Albtraum aufwachen, um festzustellen, dass er bittere Realität geworden war. Träume, Hoffnungen, Pläne... es gab nichts mehr dergleichen. Nur Stille und Leere existierten. Erst ungefähr acht Wochen nach Marians Tod begann ich, die ganze Tragweite zu begreifen. Manchmal saß ich einfach nur da und wartete vor dem Telefon, das beharrlich schwieg. Die Einsamkeit war erdrückend. Ich hätte gern mit jemandem geredet, aber mir fehlte der Mut, um selbst anzurufen. Manchmal fuhr ich abends zu meiner Schwester, jedoch ging es mir hinterher auch nicht besser, eher im Gegenteil. Nirgendwo schien es einen Halt zu geben. Oftmals versank ich förmlich in Erinnerungen, sortierte Fotos. So unglaublich schwer das auch war, im nachhinein weiß ich, dass ich unbewusst das Richtige tat, nämlich mich mit all den schmerzlichen Erinnerungen auseinanderzusetzen, statt alles beiseite zu räumen. Da ich zu diesem Zeitpunkt niemanden hatte, dem ich meine Gefühle anvertrauen wollte und der das verstanden hätte, schrieb ich vieles auf. Ich unternahm sogar den Versuch, über Maians Tod und die Zeit danach zu schreiben. Allerdings schaffte ich das damals noch nicht. Aber es half mir schon ein wenig, wenn ich mir von der Seele schreiben konnte, wie ich mich fühlte. Alles in allem kann ich wohl sagen, dass ich ungefähr vier Monate nur vor mich hin dämmerte. Mir fehlte die Kraft weiterzumachen und mir fehlte der Mut aufzugeben. Was ich auch tat, wohin ich auch ging; jeder Atemzug erinnerte mich schmerzlich an das, was ich so sehr geliebt und für immer verloren hatte. Jeden Abend ging ich mit dem Wunsch schlafen, den Morgen nicht mehr zu erleben. Aber der neue Morgen kam und mit ihm die Dunkelheit , die mich gefangen hielt. Ich hatte keinen Job und hätten meine Hunde nicht an jedem neuen Tag beharrlich ihr Recht gefordert, wäre ich wohl nicht unbedingt aufgestanden, so elend und zerrissen fühlte ich mich. Heute frage ich mich, wie ich nach außen doch so gut funktionieren konnte. Ich fuhr Auto, kaufte ein, ging mit den Hunden gassi . Manchmal konnte ich mich zu Hause irgendwie ablenken, aber das gelang nur für ganz kurze Zeit. Zumeist hatte ich das Gefühl, völlig haltlos in endlose Tiefe zu stürzen. Unentwegt sah ich Marian vor mir, hörte seine Stimme und alles schrie in mir, dass es doch einfach nicht war sein darf. Manchmal, wenn jemand unbedacht sagte, dass man mit dem Tod eines Kindes niemals fertig wird, dann bekam ich Angstzustände. Ich konnte mir nicht vorstellen, so weiter zu leben. Meine Gefühle befanden sich in einem solchen Chaos, dass ich nicht wusste, ob ich allein sein, oder irgendwo hingehen sollte, um mich abzulenken. War mir doch klar, dass das kleinste unbedachte Wort anderer Menschen, selbst wenn es noch so gut gemeint war, meinen Zustand verschlimmern konnte. Gleichermaßen hatte ich Angst vor der leeren Wohnung. Ein halbes Jahr nach Marians Tod erfuhr ich dann, dass es eine Gruppe „Verwaiste Eltern“ gibt und besuchte von da an die Treffen regelmäßig. Hier fand ich Menschen, die genau wussten, was in mir vorging. Es war wohl der einzige Trost überhaupt, den ich zum damaligen Zeitpunkt fand - mit meinen Schicksal nicht allein zu sein, über das reden zu können, was mich bewegte. Langsam kehrte mein Lebenswillen zurück. Ich stellte auch einen Antrag auf ein Pflegekind. Ehe ich endlich die Bewilligung erhielt, verging eine Menge Zeit. Aber ich hatte wieder ein Ziel und es war ein neuer, vorsichtiger Anfang, wieder etwas zu planen, ein wenig Hoffnung zu haben. Marian ist nun zwei und einviertel Jahr tot. Nichts ist mehr wie es einmal war und es wird nie wieder so sein. Das Leben ist wie ein riesiges Puzzle. Jede neue Erfahrung oder Erkenntnis fügt ein neues Teilchen an. Nach Marians Tod lagen alle Puzzleteile durcheinander. In mühsamer Kleinarbeit schaffte ich es, es wieder herzustellen und es war gewachsen, durch meine Trauer, durch all die Erfahrungen des Leids. Es ist größer geworden, aber es ist nicht mehr vollkommen. Denn inmitten des Puzzles fehlt ein Teil, der sich nie wieder ersetzen lässt. Ich muss lernen es zu akzeptieren und damit zu leben. „Du lebst in mir“- ja genau so ist es. Marian ist immer da. In meinen Gedanken, auf all meinen Wegen. Er hilft mir bei vielen Entscheidungen, denn er spricht aus meinem Herzen zu mir. Ich vermisse ihn jeden Tag , jede Stunde. Ich weiß, das wird sich nie ändern. Ich kann lachen und fröhlich sein, aber es ist nicht mehr unbeschwert. Dennoch gibt es so vieles, wofür es sich noch zu leben lohnt, wenn man es wirklich will. Ich erlebe vieles intensiver und manches, was früher wichtig war, hat an Bedeutung verloren. Ich beschäftige mich weniger mit dem Unwesentlichen. Das, worüber ich mich früher gesorgt hätte, ist in den Hintergrund getreten. Fast täglich kommt die Zeit, in der mich die Erinnerung an Marian mit tiefster Traurigkeit und Sehnsucht erfüllt, die man nicht mit Worten zu beschreiben vermag , die nur der wirklich verstehen kann, der Gleiches erlebt hat. Ich kann inzwischen ganz gut damit umgehen, weiß ich doch, dass es auch oft genug geschieht , dass ich mich lächelnd an ihn erinnere. Manchmal, wenn ich am liebsten alles aufgeben möchte, dann denke ich ganz fest an ihn, sehe ihn vor mir, höre seine Stimme, er lächelt und sagt: “Du schaffst das schon!“
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